Treffen mit einem professionellen Reiter und Trainer
Maxime Livio ist ein Spitzenreiter im Vielseitigkeitsreiten. Er ist seit 12 Jahren die Nummer 1 in Frankreich und gehört zu den Top 20 weltweit. Maxime leitet einen Stall in der Nähe von Saumur. Dieser Stall beherbergt 70 Pferde, darunter Hochleistungspferde ausschließlich für den Sport, Handels- sowie Schulpferde, vom Amateur- bis zum Spitzenlevel. Maxime Livio ist zudem Trainer des thailändischen Teams, das seit etwa zehn Jahren in seinem Stall stationiert ist.
Maxime Livio teilt hier sein Fachwissen und gibt Tipps, wie man die Kondition des Pferdes optimiert, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern, die Erholung zu beschleunigen und in allen Reitdisziplinen zu glänzen.
Die Bedeutung der Kondition in allen Disziplinen
Das Herz-Kreislauf-System des Pferdes
Horse Pilot : Was sind die Besonderheiten des Herz-Kreislauf-Systems des Pferdes?
Maxime Livio : Ähnlich wie beim Menschen gibt es Zusammenhänge zwischen Bewegung, Herzfrequenz und Atmung. Beim Galopp basiert die Atmung auf dem Rhythmus und der Mechanik der Galoppsprünge. Pferde atmen beim Galoppieren im Takt der Sprünge ein und aus, was die Erholung beeinflusst. Ein Pferd mit kurzen, häufigen Sprüngen hat eine schnellere Atmung und damit eine höhere Herzfrequenz. Ein Pferd mit großen Sprüngen hat eine etwas höhere Herzleistung und Ausdauer.
Die Arbeit an der Kondition des Pferdes
HP : Warum ist es wichtig, die Kondition seines Pferdes zu trainieren?
M.L. : Das Herz ist ein Muskel und, wie beim Menschen, ist es wichtig, ihn zu trainieren, um seine Fähigkeit zu steigern, längere Arbeitsspannen zu bewältigen. Das Training ermöglicht dem Herz, vom Ruhezustand zur Arbeit und anschließend zur Erholung optimal zu funktionieren.
Darüber hinaus haben beim Pferd wie beim Menschen Emotionen Auswirkungen auf die Herzfrequenz. Einige Pferde zeigen Herzfrequenzen, die nicht zum aktuellen Training passen – zum Beispiel durch Überraschung beim Überqueren einer Reitbahn oder bei einem jungen, nervösen Pferd im ersten Cross-Parcours.
Das Konditionstraining muss daher sehr schrittweise erfolgen und diese Aspekte berücksichtigen.
HP : Wie beeinflusst dieses Training die Leistung des Pferdes in den verschiedenen Disziplinen?
M.L. : Der Schlüssel liegt im Dosieren der Reiterhilfen, da sie direkte Auswirkungen auf das Pferd haben. Bei Belastung steigt die Herzfrequenz, was Konsequenzen hat. Fehler am Parcoursende oder bei Dressuraufgaben entstehen oft durch Sauerstoffmangel im Gehirn, Müdigkeit und Herzfrequenzanstieg. Die Reiterhilfen können dann etwas härter wirken, was zu Verspannungen führt. Deshalb ist ein regelmäßiges und progressives Training notwendig, damit Pferde mental, muskulär und konditionell auf ihrem Niveau optimal arbeiten können.

Was wir gezielt trainieren
Die Hauptziele
HP : Welche Hauptziele verfolgen Sie beim Konditionstraining Ihrer Pferde?
M.L. : Wir wollen schrittweise die Ausdauer entwickeln. Zunächst lernt das Pferd, den Körper korrekt einzusetzen. Die Muskulatur arbeitet intensiver, benötigt mehr Blut und Sauerstoff. Ziel ist es, gleichzeitig die aeroben und anaeroben Systeme zu entwickeln, also Ausdauer und Kraft, damit Pferde längere und intensivere Belastungen bewältigen können.
Individuelles Konditionstraining
HP : Wie passen Sie das Konditionstraining an die Bedürfnisse jedes Pferdes an?
M.L. : Für mich muss das Training auf die Persönlichkeit jedes Pferdes abgestimmt sein. Ein zurückhaltendes Pferd benötigt regelmäßige, leichte Trainingseinheiten, um Vertrauen und Bewusstsein für sein Potenzial zu entwickeln. Ein selbstbewusstes Pferd trainiert intensiver, aber kurz, um Überforderung zu vermeiden.
Das Training berücksichtigt auch das angeborene Potenzial. Schnelle, energiegeladene Pferde lernen, sich zu kanalisieren, durch lange und langsame Einheiten. Ausdauernde Pferde mit konstantem Tempo trainieren durch wechselnde Galoppschritte, um Fortschritte zu erzielen.
Medizinische Überwachung von Herz, Lunge und Puls
HP : Welche medizinischen Parameter überwachen Sie, um das Konditionstraining anzupassen?
M.L. : Die Überwachung erfolgt auf mehreren Ebenen. Während der Arbeit kontrollieren wir die Herzfrequenz mit einem Pulsmesser. Ich persönlich verlasse mich eher auf das Gefühl des Reiters, aber die Daten sind für Tierärzte wichtig zur Analyse.
Das Ziel ist, Herzfrequenz und Erholungszeit zu senken, ohne die Trainingsintensität zu reduzieren.
Auch die Atemwege werden regelmäßig kontrolliert. Pferde arbeiten nie bei 100% ihrer maximalen Atemkapazität, doch mit kleinen Behandlungen (Inhalation oder oral) kann die Kapazität um 5–15% gesteigert werden. Außerdem ist die Ernährung entscheidend, da sie die Leistungsfähigkeit direkt beeinflusst. Schließlich wird auch das Zaumzeug überwacht, um die Atmung während der Arbeit zu optimieren.

Trainingsprotokoll und Übungsvariation
Anzahl der Einheiten
HP : Wie viele Einheiten pro Woche empfehlen Sie?
M.L. : Abhängig von Disziplin und Niveau. Allgemein maximal 2 intensive Einheiten pro Woche (Springen, Galopp) mit idealerweise 4 Tagen Abstand. Bei höherem Niveau ersetzt Trotting den Galopp als weniger belastende Übung. Hochleistungspferde absolvieren eine Galopp- und eine Trotting-Einheit pro Woche. Nach Springen folgt Trotting zur Entspannung, an den übrigen Tagen Dressur.
Dauer der Einheiten
HP : Wie lange sollten die Einheiten dauern?
M.L. : Abhängig vom Niveau. Für vollständige Erholung sollte der Trab nach dem Galopp ein- bis zweimal so lang sein wie der Galopp. Aufwärmen auf kleinen Hügeln erlaubt Herz-Kreislauf-Training ohne übermäßige Belastung der Beine.
Es ist wichtig zu beachten, dass langer, schneller Galopp gesundheitliche Risiken birgt. Besser moderate Geschwindigkeit mit gelegentlichen Sprints als Dauerbelastung. Alternativ kann die Arbeit anspruchsvoller gestaltet werden, z. B. Hügel oder tiefer Boden, um den Puls zu steigern.
Standardprotokoll
HP : Wie sieht Ihr Standardprotokoll aus?
M.L. : Der Tagesablauf der Pferde ist repetitiv, um natürliche Kondition zu entwickeln: 30 Minuten Schrittmaschine morgens, 30–45 Minuten Training, dann Paddock, anschließend weitere 30 Minuten Schrittmaschine. Tagesabschluss mit Pflege.

Gezieltes Protokoll für Wettkämpfe
HP : Wie gestalten Sie gezieltes Konditionstraining für Wettkämpfe?
M.L. : Auf höherem Niveau füge ich zusätzliche Trott- oder Galoppeinheiten hinzu, progressiv steigernd in Intensität. Anfangs dienen sie der Gewöhnung nach Pause, dann längere Einheiten, immer ohne Überlastung. Ziel: Pferde optimal vorbereiten, ohne sie zu überfordern. Persönliche Anpassung je nach Ziel sinnvoll.
Übungsvariation
HP : Warum ist Übungsvariation wichtig?
M.L. : Variation macht Spaß! Pferde genießen unterschiedliche Reize, bleiben aufmerksam und ausgeglichen. Außerdem fördert sie körperliche Anpassungsfähigkeit an verschiedene Böden und Geländetypen.
Beispiele für Übungen: draußen und in der Halle
HP : Können Sie konkrete Übungen teilen?
M.L. : In der Halle: Galopp 8–12 Minuten, Kombination aus gerader Linie und Volte für Sammlung, immer beide Hände gleichmäßig trainieren, Galoppwechsel üben. Draußen: Höhenunterschiede nutzen, Trab und Galopp bergauf/bergab, um Kraft, Gleichgewicht und Erfahrung zu fördern.

Erholung
Bedeutung der Erholungsphase
HP : Warum ist Erholung entscheidend für Gesundheit und Leistung?
M.L. : Nach Belastung beseitigt Erholung Laktat aus Muskeln, reduziert Muskelkater und Verletzungsrisiken. Längere, schrittweise Erholung minimiert Folgeschäden.
Bei Cross-Parcours zwei Arten: aktive Erholung durch Trab und Schritt, und Abkühlung durch Wasser und Schritt. Beine kühlen, danach Tonerde zur Gewebestraffung. Ziel: schnelle Rückkehr zum optimalen Wohlbefinden.
Bewertung der Erholung
HP : Wie beurteilen Sie die Effektivität der Erholung?
M.L. : Schweißmenge zeigt Belastung. Wasseraufnahme zeigt Verlust während der Arbeit. Trocknungsgeschwindigkeit zeigt Atemqualität. Hautelastizität testet Rehydrierung. Weitere Indikatoren: Schleimhautfarbe, Augenhelligkeit, Fellglanz, Verhalten. Ein gut erholtes Pferd ist genauso aufmerksam wie sonst.

Merke: Die körperliche Fitness und Ausdauer der Pferde hängt direkt von der Effizienz des Herz-Kreislauf-Systems ab. Progressives Training steigert Herz- und Lungenleistung, optimiert die athletische Leistung und erhält die Gesundheit langfristig.
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Wir sind stolz, Maxime Livio zu unseren Horse Pilot Botschaftern & Athleten zu zählen und ihn bei seinen Projekten zu begleiten. Vielen Dank, dass er seine Erfahrung geteilt hat.
Foto-Credits: Stephane Cande